Wie bewerteten die Stuttgarter den Mauerfall – aus mehr als 500 Kilometer Entfernung? Am Tag danach führt die Stuttgarter Zeitung auf der Königstraße eine Umfrage durch. Die Stimmen zeigen große Freude aber auch Sorgen vor einer ungewissen Zukunft.
Obwohl der Mauerfall eigentlich ein schönes Ereignis ist, bleibt Susanne W. skeptisch. Die 26-Jährige fürchtet, dass die Löhne wegen der Flüchtlinge rasant fallen werden. Und das schadet doch auch der DDR: „Wer soll denn das Land drüben wiederaufbauen, wenn alle abhauen.“ (Stuttgarter Zeitung vom 11.11.1989) Anders sieht das die 73-jährige Elsbeth E., die an die Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs erinnert. Wie damals hat der Staat nun die Pflicht, alle aufzunehmen und zu versorgen, die hier leben wollen. Wie viel Geld das letztendlich kostet, ist in dieser historischen Stunde zweitrangig.
Entsetzt vom Bundestag
Wenig berührt zeigt sich der Schüler Thomas B., für den der Mauerfall kein Weltereignis ist. Angesichts der vielen Zuzügler verlangt der 19-Jährige mit der Punk-Frisur einen Aufnahmestopp, um den Staat nicht zu überfordern. Sehr gerne würde er aber in die DDR fahren, um sich dort umzuschauen. Natürlich freut sich der Bildhauer Lutz A. für seine Kollegen in der DDR. Es hat ihn jedoch entsetzt, dass der Bundestag das Deutschlandlied angestimmt hatte. „Gegen solch ein nationalbewußtes [sic] Theater hab‘ ich was“ (Stuttgarter Zeitung vom 11.11.1989), erklärt der 48-Jährige sorgenvoll.
Gorbatschow danken
Nach dem Mauerfall kommt eines Tages die Wiedervereinigung, hofft der Eisenbahner Sigurd H.. Es beeindruckt ihn sehr, dass die Demonstranten immer friedlich blieben. Die Deutschen müssen auch Gorbatschow und seinen Reformen „Glasnost“ und “Perestrojka“ danken, fordert der 48-Jährige. Oder war der Mauerfall doch nur eine PR-Aktion? Das vermutet die 19-jährige Schülerin Janette W.: „Damit hat die DDR-Führung halt ihren guten Willen signalisiert.“ (Stuttgarter Zeitung vom 11.11.1989) Die Menschen eilen nun schnell in den Westen hinüber, solange sie es noch können.
Quelle: Stuttgarter Zeitung vom 11.11.1989
Bild: Dguendel, Stuttgart, die Königstraße am Schlossplatz, CC BY 3.0
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