Bis heute verklären manche die DDR zum sozialistischen Paradies. Auch eine Stuttgarterin schrieb 1989 einen Brief voller Bewunderung in den Osten. Dort wird ihr Brief aber in einer Zeitung veröffentlicht. Als West-Medien diesen Text aufgreifen, entsteht eine Hetzjagd.
Dass westdeutsche Kommunisten in die DDR schrieben, war nichts Ungewöhnliches. Der Brief , den Ingrid S. am 9. August 1989 aber an die Zwickauer ‘Freie Presse‘ schickt, geht über die üblichen Schmeicheleien hinaus: In der DDR gebe es mehr Freiheit als im Westen, fängt sie noch harmlos an. “Mein Mann und ich kennen die DDR sehr gut und wenn wir die Wahl hätten, würden wir uns für Ihr Land entscheiden!” Die wachsende Zahl an Übersiedlern beschimpft sie dann als “Nestbeschmutzer”.
Propaganda geht schief
Den SED-Redakteuren der ‘Freien Presse’ bietet sich der Brief somit ideal an, um das Leben im Westen zu entzaubern. “Hier gibt es keine Arbeitsplätze”, warnt Ingrid S. potenzielle Übersiedler. Deswegen verschwindet ihr Schreiben nicht in der Leserbrief-Rubrik, sondern erhält eine eigene Seite. Die Zeitung druckt den gesamten Text, inklusive des vollen Namens und der Anschrift, ab. Der Brief verfehlt aber seine Wirkung. Stattdessen leiten viele empörte Leser ihre Zeitungs-Ausgaben an Verwandte im Westen weiter.

Polizeischutz wegen Brief
Dort nimmt schließlich als Erstes eine große Boulevardzeitung Kontakt mit der Schreiberin auf. Die Gefahren der Berichterstattung kann Ingrid S. scheinbar noch immer nicht einschätzen. Und so lässt sich das Paar bereitwillig vor seinem Haus fotografieren. Am 31. August berichtet das Blatt darauf mit einer halben Seite über ihren Brief. Zusätzlich nennt es die Anschrift der beiden und beschreibt ihre Lebensgewohnheiten. Das Ergebnis: Das Ehepaar erhält Morddrohungen und lebt zeitweise unter Polizeischutz.
Die Stuttgarter Zeitung reagiert danach mit einem Kommentar. Darin verteidigt der Redakteur Werner Birkenmaier das Recht der Briefschreiberin, auch eine zweifelhafte Meinung zu verbreiten. Dann kritisiert er die “Hetzkampagnen” der Boulevardpresse. “Solche Methoden sind einer freien Presse, eines freien Staates unwürdig.” (Stuttgarter Zeitung vom 4. September 1989) Ebenso schockiert äußern sich viele Leserbriefe. So verweist Fritz M. auf die grausamen Folgen von Intoleranz in der deutschen Geschichte.
Und Im Osten?
In der DDR bekommen die Menschen offiziell nichts von der Hetzkampagne mit. Einige erinnern sich aber bis heute an den Brief. Über die sogenannte “Rote Tante” aus Stuttgart entsteht im Vogtland ein Spottgedicht:

Quellen:
Stuttgarter Zeitung vom 4. und 9. September 1989
Neubert, Ehrhart (2008). Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90 München: Piper Verlag.
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