Vergangene Woche zeigte eine Bildergalerie, was Gorbatschow in Stuttgart erlebte. Kaum einer kommt ihm aber so nah wie Rainer Groh. Dem Lehrer und seinen Schülern gelingt es, ein Gespräch zu beginnen. Der Besuch markiert auch den Beginn vieler Schul-Partnerschaften.

Rainer Groh traf Gorbatschow.

Mit fünf Schülern wartet Rainer Groh an diesem heißen Junitag im Marmorsaal des Neuen Schlosses. Dort stehen knapp 200 wichtige Männer und Frauen aus Baden-Württemberg dicht gedrängt um den Gast: Michail Gorbatschow. Plötzlich hört Groh Ministerpräsident Lothar Späth flüstern: “Wo sind die Schüler?” Sofort nutzt Groh darauf die Gelegenheit und kommt näher. Der Kremlchef zögert nicht lange, schüttelt ihm die Hand, ohne auf ein Signal Späths zu warten. “Er merkte sofort, dass ich ihm etwas zu sagen hatte”, erinnert sich der 78-Jährige, “das sieht man einem Menschen an.” So viel Interesse missfällt dem Ministerpräsidenten, der den Gast dann doch schnell wegführt. Aber so einfach lässt sich Groh nicht unterkriegen. Bei nächster Gelegenheit wird er versuchen, die Aufmerksamkeit Gorbatschows zurückgewinnen.

MIT BRIEFMARKE GELOCKT

Dass der Russisch-Lehrer des Feuerbacher Leibniz-Gymnasiums überhaupt dabei ist, verdankt er vielen Zufällen, berichtet Groh – während er die alten Medienberichte durchblättert. Aus dem Staatsministerium erfährt er eines Tages, dass Gorbatschow nach Stuttgart kommt. “Dem war Technologie sehr wichtig und er hatte Kontakte zu Lothar Späth”, erzählt Groh, der damals signalisiert, dass Schulen mit Russischunterricht Interesse hätten, den Gast am Flughafen zu begrüßen. Dazu kommt es jedoch nicht. Stattdessen darf er mit fünf Schülern zum Empfang der Landesregierung ins Neue Schloss.

Die Briefmarke zeigt Schüler aus Stuttgart und Leningrad zwischen Gorbatschow und Späth.

Um auf die Schüler-Gruppe aufmerksam zu machen, greift er auf eine im Unterricht gebastelte Briefmarke zurück. Sie zeigt, dass seine Schüler im Mai das Leningrader Gymnasium besucht haben, das ihnen ein Abkommen als Partnerschule zugewiesen hatte. “Damit konnten wir dann sofort sein Interesse wecken”, sagt er beim Blick auf die grüne Marke. Als die Schüler ihr Werk überreichen, spricht Gorbatschow über ihren Alltag. Lange unterhält er sich mit einer Schwäbin, die wie er in einem Dorf aufgewachsen ist – und nach fünf Jahren Russisch besser als der offizielle Übersetzer spricht.

BEGINN EINER FREUNDSCHAFT

Weniger gefallen hat das erneut Späth, der seinem Gast ungeduldig am Ärmel zupft, um ihm die Mächtigen des Landes vorzustellen. “Gorbatschow hat sich aber schon immer besonders für gewöhnliche Bürger interessiert”, sagt Groh. Das betont Gorbatschow auch in seiner improvisierten Rede: “Ich möchte mich bei den Einwohnern Stuttgarts bedanken für die Gastfreundschaft und die Freundschaft, die hier an den Tag gelegt wurde!” Später beschreibt er, wie er in Bonn und Stuttgart zum ersten Mal spürte, dass Menschen aus dem Westen seinem Versprechen von politischem Wandel vertrauten.

Über diesen “Wind of Change” schrieben die Scorpions 1989 einen Hit:

Auch im Leibniz-Gymnasium weht dieser Wandel spürbar. Denn am Vortag hatte Gorbatschow ein Abkommen über Schüleraustausche unterschrieben. “Bis zu meiner Pensionierung bin ich jedes Jahr mit Schülern nach Sankt Petersburg gefahren und russische Schüler kamen zu uns”, erzählt Groh. Heute besucht er immer wieder mit Lehrern eine neue Partnerschule in Samara, um dort auf Deutsch zu unterrichten. Außerdem gibt es dorthin einen Schüleraustausch. Im Schuljahr 2009/2010 kann er dann mit Schülern beider Länder den Staatsbesuch von 1989 aufarbeiten. In dem 82-seitigen Rückblick kommen auch Späth (1937-2016) und Gorbatschow zu Wort:

UND DIE DEUTSCHE EINHEIT?

Wie stand Michail Gorbatschow im Juni 1989 zur Deutschen Einheit? Das beantwortet Groh in diesem Audio-Beitrag:

Zum Weiterlesen: Teil 1 mit Bildergalerie und Teil 3 mit Interview

Zur Person


Rainer Groh ist 1940 in Stuttgart geboren und studierte Geschichte, Französisch und Russisch in Tübingen. Bis zu seiner Pensionierung 2005 unterrichtete er am Leibniz-Gymnasium. Für seine Verdienste in der Völkerverständigung verlieh ihm das Land die Staufermedaille.

Titelbild: RIA Novosti archive/Boris Babanov, CC BY-SA 3.0