Bis zum Mauerfall waren DDR-Arbeiter bei einem Bauprojekt am Rotebühlplatz beschäftigt. Das sorgte für Diskussionen, ob die Gastarbeiter den Wettbewerb verzerren. Später zeigen Stasi-Dokumente, dass DDR-Spitzel die Baustelle überwachten.

Ende Februar 1989 sind die Bauarbeiten am neuen Kulturzentrum “Treffpunkt Rotebühlplatz” in vollem Gange. Dann kommt heraus, dass auf der Baustelle 90 Arbeiter aus der DDR beschäftigt sind. Der schwäbische Bauunternehmer hatte den Auftrag an ein Subunternehmen aus Ost-Berlin weitergeleitet. Darin sieht die örtliche Baugewerkschaft eine Verzerrung des Wettbewerbs, da für DDR-Bauarbeiter keine Sozialabgaben anfallen.

Ein Bauunternehmen aus Ost-Berlin arbeitete am Rotebühlplatz. Bild: Bundesarchiv/Bernd Settnik

Diese Vorwürfe weist der Geschäftsführer des Unternehmens zurück, er habe vergeblich nach entsprechenden Spezialisten gesucht. “Wir haben uns von Flensburg bis zum Bodensee darum bemüht.” (Stuttgarter Zeitung vom 28. Februar 1989) Die Aufgaben der DDR-Bauarbeiter würden außerdem nur einen geringen Teil des Gesamtprojekts ausmachen. Die Stadt bestätigt ebenso, dass das Unternehmen alle gesetzlichen Vorgaben einhält.

KONKURRENZLOS BILLIG?

Besonders präsent sind DDR-Arbeiter in West-Berlin. Im April erklärt der Chef der dortigen Gewerkschaft, dass 9.148 Bauarbeiter dort auch aus diesem Grund arbeitslos sind. “Keine Aufträge für die Dumping-Konkurrenz aus der DDR” (Stuttgarter Zeitung vom 13. April 1989), fordern diese. Ein Teil des Lohns der DDR-Arbeiter wandert zudem direkt an die SED. Damit beutet die DDR ihre Arbeiter aus und bleibt trotzdem konkurrenzlos billig.

Nichts deutet heute darauf hin, dass das Kulturzentrum am Rotebühlplatz mit der DDR verbunden ist.

Die günstige Arbeit aus dem Ostblock empört viele Leser. “Eine Firma, die nur mit deutschen Arbeitskräften kalkuliert, kann gegen so eine Konkurrenz nie der billigste Anbieter sein” (Stuttgarter Zeitung vom 8. April 1989), betont Heinz R.. Leser Gerhard S. sieht das Problem dagegen auf dem westdeutschen Ausbildungsmarkt. Zu wenige Schulabgänger lassen sich zu Bauspezialisten ausbilden, weil die Politik die Facharbeiter indirekt diskriminiert.

STASI AM ROTEBÜHLPLATZ

Ein dunkles Geheimnis der Baustelle kommt erst später ans Licht: Die Stasi beobachtete die Arbeiter und ihre westdeutschen Kollegen genau. Die heutige Behörde des Beauftragten für Stasi-Unterlagen (BStU) weiß, dass Stuttgart zum Operationsgebiet der Stasi gehörte. Im Visier waren Ministerien, aber auch Unternehmen. Das folgende Stasi-Dokument belegt, dass eine “politisch-operative Sicherung” ab 1988 am Rotebühlplatz stattfand:

Dafür wirbt die Stasi jeden zehnten der Bauarbeiter als “inoffiziellen Mitarbeiter” an, um das Projekt zu protokollieren. Ein Spitzel mit dem Decknamen “Sonny” hat nach BStU-Dokumenten diese Aufgaben:

  • Baustelleneinsatz als Zimmermann
  • Kontrolle der Wirksamkeit der Belehrungen der NSW-RK (Reisekader ins nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet) durch die verantwortlichen Baustellenleitkader. Einschätzung der Wirksamkeit der Teilbereiche der Baustellenordnung:
    • Abmeldungen von der Baustelle
    • Anwesenheitskontrolle in der Arbeitszeit
    • Abmeldungen im Wohnheim

Damit ist es den Bauarbeitern nicht möglich, die Höhepunkte des Jahres unbemerkt zu genießen: etwa das Konzert von Pink Floyd am 25. Juni oder das Europapokal-Halbfinale des VfB gegen Dynamo Dresden am 5. April. Nach dem Mauerfall reisen sie wieder ab. Heute kennen nur wenige die Verbindung des Kulturzentrums zur DDR. Alle Stasi-Dokumente zum Rotebühlplatz finden sich in diesem Heft auf den Seiten 51 bis 69:

Quellen:

Stuttgarter Zeitung vom 28. und 29. Februar 1989

Stuttgarter Zeitung vom 31. März 1989

Stuttgarter Zeitung vom 8. und 13. April 1989

Behörde des Beauftragten für Stasi-Unterlagen