Der Besuch Gorbatschows begeisterte 1989 ganz Stuttgart. Als beste Russisch-Schülerin des Landes war Tanja Eberhardt zum Staatsempfang eingeladen, wo sie sich mit Gorbatschow unterhalten konnte. Beim Interview in Tübingen blickt sie darauf zurück.

Wie haben Sie den Besuch am 14. Juni 1989 erlebt?

In der ganzen Stadt war eine euphorische Stimmung zu spüren. Das hat auch Gorbatschow berührt, der am Schlossplatz aus seinem Auto ausstieg, um auf die Menschen zuzugehen und ihnen die Hände zu schütteln. Er wirkte absolut überzeugt davon, dass sein Handeln das Richtige war.

Sie selbst hatten damals eine Einladung zum Staatsempfang ins Neue Schloss erhalten. Wie kam es dazu?

Drei Jahre zuvor hatte ich als Schülerin des Leibniz-Gymnasiums an der Russisch-Olympiade teilgenommen. Mein Russischlehrer, Rainer Groh, hatte mich auf die Idee gebracht, mitzumachen. Nachdem ich dann tatsächlich Siegerin im Landeswettbewerb war, gewann ich anschließend auch das Bundesfinale. Als mich dann 1989 Ministerpräsident Lothar Späth offiziell zum Staatsempfang einlud, habe ich mich sehr gefreut.

In der Zeit des Kalten Kriegs war es selten, an der Schule Russisch zu lernen. In ganz Stuttgart gab es nur vier Schulen, die die Sprache angeboten haben. Warum haben Sie Russisch gelernt?

Ich hatte schon immer ein Talent für Sprachen und habe zunächst Englisch und Latein gelernt. Erst mein Opa hat mich aber auf die Idee gebracht, als dritte Fremdsprache Russisch zu wählen. Trotz der Kriegserlebnisse hatte er dort als Soldat viel Herzlichkeit erlebt und die russische Sprache als sehr klangvoll empfunden. Außerdem interessierten mich bedeutende russische Schriftsteller wie Dostojewski, Tolstoi und Turgenew, um nur einige zu nennen. Es war sehr spannend, den Eisernen Vorhang zu lüften und einen Blick dahinter zu wagen.

In den ehemaligen Sowjetrepubliken ist die russische Sprache bis heute weit verbreitet. (Wikicommons)

Wie fing das Gespräch mit Gorbatschow an?

Unter den knapp 200 Anzugträgern aus Politik und Wirtschaft bin ich als junge Frau natürlich aufgefallen. Rainer Groh, der mit vier weiteren Schülern auch vor Ort war, überreichte Gorbatschow dann eine Briefmarke. Darauf sprach mich Gorbatschow an und Groh erwähnte, dass ich die beste Russisch-Schülerin des Landes sei. Gorbatschow sagte sofort: “Das freut mich sehr, aber ich werde das gleich einmal überprüfen!”

Und er war zufrieden?

Er hat mir Fragen auf Russisch gestellt. An den Inhalt kann ich mich nicht mehr erinnern, aber meine Antworten haben ihm wohl gefallen. Er hat sich gefreut und meinte, ich sollte so weitermachen. Gorbatschow war im Gespräch sehr nett und offen, obwohl er der Staatschef eines des mächtigsten Landes der Erde war. Dann erzählte er mir, dass er und Helmut Kohl vereinbart hatten, einen Schüleraustausch einzuführen. Ich fand es faszinierend, einen Einblick in die Politik zu bekommen. Gorbatschow hat sich sehr gerne mit mir unterhalten, das habe ich gemerkt.

Wie reagierten die anderen Gäste auf Ihr Gespräch?

Alle standen um mich und Gorbatschow herum. Während wir gesprochen haben, zupfte Lothar Späth mehrmals an seinem Ärmel, weil er ihm andere Menschen vorstellen wollte. Trotz des Zeitdrucks hat sich Gorbatschow noch verabschiedet und mir alles Gute gewünscht.

In Russland gibt es heute viel Kritik gegen Gorbatschow. Was denken Sie rückblickend über ihn?

Unter ihm entwickelten sich die deutsch-russischen Beziehungen sehr gut. Es gab eine bedeutende Annäherung beider Länder, die zu großen Hoffnungen auf beiden Seiten führte. Die aktuelle politische Lage ist leider wieder kritisch und viele seiner Errungenschaften sind verloren gegangen: Unsere Länder haben sich wieder entfremdet und distanziert. Das dürfte Gorbatschow traurig stimmen. Dass er dies als alter Mann [Anmerkung: Gorbatschow ist 88 Jahre alt] erleben muss, ist sehr schade und sicherlich schmerzhaft. Aber die gesamte politische Umstrukturierung des ehemaligen Ostblocks wäre ohne ihn nicht möglich gewesen.

Für seine Reformpolitik ist Gorbatschow in Deutschland sehr beliebt. (RIA Novosti Archive, CC BY-SA 3.0)

…und davon haben Sie auch persönlich profitiert?

Als Dolmetscherin und gerichtlich bestellte und beeidigte Übersetzerin für Russisch habe ich viele Einblicke in fremde Kulturen erhalten. Ich war in Usbekistan, Tadschikistan oder zu Zeiten der Sowjetunion auch im Baltikum unterwegs. Im Vergleich zu Spanisch oder Italienisch ist Russisch sicherlich eine sehr schwierige Sprache. Aber durch sie konnte ich bis heute viel Schönes erleben.

Zum Weiterlesen: Teil 1 mit Bildergalerie und Teil 2 zu Rainer Groh