Für das erste Wochenende nach dem Mauerfall wappnet sich auch Stuttgart für einen Ansturm. Denn viele DDR-Bürger wollen sich am Rathaus ihr Begrüßungsgeld abholen, um danach auf der Königstraße einzukaufen. Die meisten fahren danach wieder in die DDR.
Die offene Grenze sorgte bei Manfred Rommel für Freude, aber auch Besorgnis. Der Oberbürgermeister hofft, dass niemand überstürzt in den Westen aufbricht. Gleichzeitig realisieren viele Lokalpolitiker, dass Stuttgarts Chancen auf die Olympischen Spiele gesunken sind. “Schließlich ist ja immer gesagt worden, falls Berlin-West und Berlin-Ost zum Zug kommen könnten, habe die Spree-Stadt Priorität.” (Stuttgarter Zeitung vom 11.11.1989) Seit der Turn-WM im Oktober hatten viele von Olympia 2004 geträumt.
Schlange stehen vorm Rathaus
Bis zum Wochenende schauen sich 3 Millionen DDR-Bürger den Westen an. Während viele in grenznahe Kleinstädte fahren, zieht es manche bis nach Stuttgart. Um das Begrüßungsgeld auszuzahlen, richtet das Rathaus eine provisorische Kasse ein. Knapp 800 Gäste wollen sich dort ihr Geld abholen und müssen zunächst warten. “Versuchen Sie einmal, rasch Hundert-Mark-Scheine zu beschaffen” (Stuttgarter Zeitung vom 13.11.1989), klagt der Stadtkämmer, der das Geld schließlich von einem Kaufhaus bekommt.
Die Euphorie der Besucher aus der DDR zeigt dieser Beitrag:
Und was haben sich die Besucher gekauft? Eine Frau präsentiert stolz eine Jeansjacke und -Hose, die sie für ihre anderthalbjährige Tochter besorgt hat. “Bei uns kostet das 120 Mark, ein Drittel von meinem Monatslohn” (Stuttgarter Zeitung vom 20.11.1989) , sagt die Röntgenassistentin aus Aue. Neben Kleidung steht auch Obst hoch im Kurs: Viele Händler berichten, dass vor allem die Nachfrage nach Bananen hoch sei, sodass ein Engpass droht. Die Hertie-Kaufhäuser freuen sich über ein großes Umsatzplus.
Und Nach dem Wochenende?
Anders als befürchtet fahren fast alle am Sonntag wieder nach Hause. Das Sozialamt weiß nur von zwei bis drei Menschen, die in Stuttgart geblieben sind. Allerdings muss die Stadt manches Problem lösen, zum Beispiel, wenn ein Trabi auf der Strecke liegen bleibt. Zum nächsten Wochenende rechnet die Stadt aber mit einem noch größeren Ansturm. Viele wollen endlich ihre Verwandten im Westen treffen. “Uns sperrt niemand mehr ein” (Stuttgarter Zeitung vom 13.11.1989), meint eine Übersiedlerin beim Abschied.
Titelbild: Bundesarchiv/Lothar Schaack
Quellen: Stuttgarter Zeitung vom 11., 13., 14., 18. und 20. November 1989