Im Jahr 1989 stand die Politik im Schatten der Ereignisse im Ostblock, die auch nach Stuttgart ausstrahlten. Nach dem Besuch Gorbatschows kamen tausende Übersiedler in den Südwesten. Wie bewertete die Stuttgarter Zeitung die Rolle der Politiker in Stadt und Land?
1. Besuch von Gorbatschow
Einen Tag verbringt der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow bei Ministerpräsident Lothar Späth in Stuttgart. Nach einem Staatsempfang im Neuen Schloss besucht er am Nachmittag die Universität in Vaihingen.

Wenn Lothar Späth heute Michail Gorbatschow empfängt, dann richten sich alle Augen auf den baden-württembergischen Ministerpräsidenten und auf die Stadt Stuttgart. Wer möchte es Späth verdenken, dass er sich diebisch freut – und wir gestehen es offen, wir mit ihm. Denn der sowjetische Staats- und Parteichef hätte ja auch Frankfurt besuchen können oder München und wir hätten uns nicht einmal beschweren können.
Stuttgarter Zeitung vom 14. Juni 1989
2. Stuttgart sucht Unterkünfte
Angesichts von immer mehr Übersiedlern spricht OB Manfred Rommel von einem “nationalen Notstand”. Bis es mehr Sozialwohnungen gibt, sollten Hausbesitzer leerstehende Wohnungen für die Menschen öffnen.
Vielleicht lassen sich solche Hausbesitzer jetzt von Manfred Rommel und seinem Wort vom “nationalen Notstand” aufrütteln. Vielleicht fällt es ihnen leichter, ihre Räume – wenn schon nicht Menschen aus fremden Ländern, so doch Deutschen (Ost) – zur Verfügung zu stellen. Menschen übrigens, die nach Aussagen der Wirtschaft hierzulande gute Chancen haben, Arbeit zu finden, Geld zu verdienen – und damit auch Miete zu bezahlen.
Stuttgarter Zeitung vom 6. September 1989
3. Besuch eines SED-Politikers
Die Landes-SPD lädt den SED-Bezirksparteichef aus Dresden, Hans Modrow, vier Tage nach Stuttgart ein. Mit weiteren Landespolitikern und Unternehmern diskutiert er über Reformen in der DDR.
Späth, Rommel, aber auch der Daimler-Chef Reuter haben zusammen mit den SPD-Politikern Maurer und Spöri demonstriert, dass es vernünftig ist, gerade in schwierigen Zeiten mit Vertretern der DDR zu sprechen. Dieser Erfolg war freilich nur möglich, weil sich auch Hans Modrow als ein Mann der Vernunft erwiesen hat, […]. Sein Besuch in Baden-Württemberg müsste für manchen Bonner Politiker, der sich jetzt noch im schrillen Feldgeschrei übt, Anlass geben, nachdenklich zu werden.
Stuttgarter Zeitung vom 29. September 1989
4. Reaktionen zum Mauerfall
Am Wochenende nach dem Mauerfall holen sich viele DDR-Bürger im Rathaus ihr Begrüßungsgeld ab, um danach auf der Königstraße einzukaufen. Anders als befürchtet wollen nur wenige Menschen dauerhaft bleiben.

Die Ereignisse in der DDR haben auch die Menschen in Stuttgart aufgewühlt. […]. Viele machen sich auch Sorgen wegen der ungewissen Zukunft, wegen des Preises, den die Freiheit der vielen Aus-, Um- und Übersiedler kostet. Und Oberbürgermeister Rommel sieht seine olympischen Felle davonschwimmen – ab nach Berlin.
Stuttgarter Zeitung vom 11. November 1989
5. Kein Olympia für Stuttgart
Nach dem Mauerfall realisieren viele Lokalpolitiker, dass Stuttgarts Chancen auf Olympia gesunken sind. Stattdessen vermutet OB Rommel, dass nun eine gemeinsame Bewerbung von Ost- und West-Berlin zum Zug kommt.

Was jetzt verloren zu gehen droht, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Vision. Es bleibt die Hoffnung, dass sich sportliche und kulturelle Ideen aus den bisherigen Olympia-Kommissionen retten lassen. Sollte sich auch dies als Fata Morgana entpuppen, dann spielt die Region Stuttgart im Konzert der europäischen Regionen bestenfalls die zweite Geige.
Stuttgarter Zeitung vom 8. Dezember 1989
Beitragsbild: Fred Romero, CC BY 2.0